Wie erkennt man ein Narrativ?

Alle Wetterdienste warnen vor schweren Stürmen draußen am Meer. Ich fahre trotzdem mit meinem Fischerboot hinaus, da ich nicht auf einen lukrativen Fang verzichten möchte. Mein Boot gerät in den angesagten Sturm und sinkt. Nun gehe ich wütend zum Bürgermeister und verlange lautstark, dass mir die Dorfgemeinschaft gefälligst ein neues Boot kauft – ich bin schließlich nicht für das schlechte Wetter verantwortlich.

Dass es im Leben nicht immer nur die eine absolute Wahrheit gibt, wird dem einen oder der anderen schon aufgefallen sein. Auch sogenannte Fakten sind meist relativ: ist das Glas nun faktisch halb leer oder doch halb voll? Die erfahrenen FaktencheckerInnen von Mimikama haben dazu eine wunderschöne Grafik gebastelt:

Erzählungen sind so gut wie immer subjektiv und alle Aspekte darin individuell gewichtet. Man nennt das auch Framing – übrigens egal, ob es vorsätzlich oder zufällig eingesetzt wird. Die in eine bestimmte Richtung lenkende Erzählung wird Narrativ genannt. Sie wird vor allem dazu verwendet, die Aufmerksamkeit der Empfänger manipulativ an eine für den Erzähler vorteilhafte Stelle zu lenken und gleichzeitig ungünstige oder unangenehme Stellen zu umschiffen.

Anders als bei manch anderen rhetorischen Kniffen wird hierbei nicht explizit gelogen, sondern mehr mit Halbwahrheiten operiert, wesentliche Bestandteile weggelassen, unzulässige Verallgemeinerungen und Schlüsse gezogen sowie oft Korrelation und Kausalität vertauscht. Quasi eine sehr selektive Wahrnehmung der Realität.

Bereits seit den 1970ern Jahren wird Framing in unterschiedlichen Disziplinen (Psychologie, Linguistik, Soziologie, Kommunikations- und Politikwissenschaften) akademisch erforscht. Der Wissenschaftler Entman formulierte es 1993 in Framing: Towards a Clarification of a Fractured Paradigm sehr treffend: „…einige Aspekte einer wahrgenommenen Realität auszuwählen und sie in einem kommunizierenden Text hervorzuheben, um eine bestimmte Problemdefinition, kausale Interpretation, moralische Bewertung und/oder Handlungsempfehlung für den beschriebenen Gegenstand zu fördern.“

Narrative sind per se nichts Böses oder Ungewöhnliches. Wichtig ist nur, zu erkennen, dass man gerade einem solchen gegenübersteht. In einer sinnstiftenden Diskussion kann es nämlich sonst leicht nervend sein, wenn jemand ein fremdes Narrativ als eigenes Faktum tarnt.

Daher nun eine kleine unwissenschaftliche Checkliste mit Beispielen aus der Praxis, auf was man achten sollte, wenn man sich Narrative für die Außen- oder Innenkommunikation zusammenbastelt. Sobald sowas dieser Art in Presseaussendungen, Interviews oder Stellungnahmen vorkommt, sollten schon mal die Alarmglocken bimmeln.

Whataboutism, Relativierung und Bagatellisierung. Egal, was dir auch vorgeworfen wird: Es wird doch wohl in den letzten 10.000 Jahren irgendwo durch irgendwen einen Fall gegeben haben, der noch schlimmer oder zumindest gleich schlimm war. Vorzüglich eignet sich auch die Formulierung „ganz normaler Vorgang“ für Aktivitäten, angesichts deren Normalsterbliche nur müde den Kopf schütteln können.

Jegliche gegen dich erhobenen Vorwürfe wischt du souverän mit „es gib hier (noch) kein rechtskräftiges Urteil“ vom Tisch. Und falls es doch ein solches geben sollte, war es eben ein tragischer Justizirrtum oder eine gezielte Verschwörung.

Relativierung ist übrigens auch der Grund, warum es nach jeder politischen Wahl ausschließlich Sieger gibt. Wenn deine Partei bei einer Landtagswahl im Vergleich zur letzten Wahl 16% der Stimmen einbüßt und damit das historisch schlechteste Ergebnis erzielt, dann wechselst du in der Kommunikation entweder auf Prozentpunkte (dann sind es nur mehr minus 9,55) oder noch besser vergleichst du das Endergebnis mit einige Wochen alten Umfragen und schon bist du der klarer Gewinner. So einfach kann Politik nur mit dem richtigen Framing sein.

Sichere dir rechtzeitig Begriffsdefinitionen und deren Deutungshoheit. Wenn du amerikanischer Präsident bist und du dich auf eine sexuelle Affäre mit deiner Praktikantin einlässt, streitest du das ganz salopp mit den Worten „I didn´t have sexual relations with that woman“ ab – selbst wenn Monica Lewinsky dazu wohl eine andere Wahrnehmung hat. Die akademische Welt darf danach jahrelang darüber streiten, was genau denn eine „sexuelle Beziehung“ sei.

Auch das Adjektiv „unverzüglich“ kann entweder am selben Tag bedeuten – wenn du als Unternehmer deine Umsatzsteuervoranmeldung am 15. des Folgemonats noch nicht abgegeben hast (nur einen Tag später kommt automatisch ein 8% Säumniszuschlag). Oder flockige zwei Monate – wenn du als Bürgermeister der Bundeshauptstadt mal kurz ein 1,4 Milliarden Euro schweres Darlehen am Gemeinderat vorbei schleusen und dieser laut Gesetz unverzüglich informiert werden müsste.

Einmal gewählte Termini musst du dann aber bis zum bitteren Ende durchziehen. So wird dann im Fall einer millionenschweren Bankenpleite aus „fehlerhafter Bankaufsicht und komplettem Versagen der Wirtschaftsprüfer“ ein deutlich leichter verdaulicher „Kriminalfall“.

Absicherung deiner Argumentationslinie durch „unabhängige ExpertInnen“. Was machst du als Finanzvorstand eines Energieversorgers im Eigentum der öffentlichen Hand, sobald in der Ukraine ein Krieg ausbricht und jeder BWL-Studierende im ersten Semester ahnt, dass die Strom- und Gaspreise unmittelbar in die Höhe schießen werden? Vollkommen richtig: du wettet auf zukünftig sinkende Preise und schließt für deinen Stromverkauf sogenannte Futures ab. Um jetzt die fachliche Frage, ob solche Derivate spekulative Finanzinstrumente mit hohem Risikoanteil sind, zu beantworten, fragst du aber nicht etwa einen Trader einer Investmentbank, sondern einen Wirtschaftsprüfer.

Die Antwort ist gar nicht so wichtig, entscheidend ist die richtige Frage. Wenn du in Österreich die Wehrpflicht abschaffen möchtest, musst du das Volk „Wollen wir weiterhin unerfahrene Männer zwangsverpflichten oder engagieren wir für die Landesverteidigung lieber Profis?“ fragen. Schlussendlich wurde in der diesbezüglichen Volksbefragung 2013 die Formulierung interessanterweise mit dem Zivildienst verknüpft – das Ergebnis ist Geschichte und hat die Wehrpflicht für Männer für weitere Jahrzehnte einzementiert. Und falls du tatsächlich einmal die Hoheit über die gestellte Fragestellung verlieren solltest, gib einfach eine Antwort, die nichts mit der ursprünglichen Frage zu tun hat. Also „Hast du das ganz böse X getan? Nein, ich habe nicht das noch bösere Y getan“.

Bleibe immer vage und unverbindlich. Orientiere dich einfach an der Wettervorhersage für die kommende Woche: Es kann regnen oder auch sonnig werden. Von frischen 5 Grad bis angenehme 24 Grad ist alles möglich. Falls dich also jemand am Ende der diesjährigen Budgetrede im österreichischen Parlament fragt, wie wir alle denn die 20 Milliarden Euro Neuverschuldung bezahlen sollen, stellst du knochentrocken fest „Außergewöhnliche Zeiten verlangen eine außergewöhnliche Budgetpolitik“ und verzichtest auf nähere Details.

Wenn dein Unternehmen den operativen Quartalsverlust verdreifacht und sich dabei der Aktienkurs in den letzten 12 Monaten um 72% nach unten bewegt hat, entschärfst du das ganz leicht mit „Der Anstieg des Fulfillment-Aufwands im Vergleich zum Umsatz lässt sich auf eine Kombination aus temporären Effekten, die in den kommenden Quartalen abnehmen dürften, sowie strukturellen Effekten zurückführen, die voraussichtlich längerfristig anhalten werden“. In solchen Fällen niemals den Konjunktiv vergessen!

Vertraue auf den kosmischen Zufall. Die oft zitierte „schiefe Optik“ ist nur für Journalisten und notorische Querulanten spannend. Wenn jemand eine Million Euro an eine Regierungspartei spendet und unmittelbar danach wird seine Tochter in den gut dotierten Aufsichtsrat der größten Beteiligungsgesellschaft des Landes berufen – dann ist das der reine, unverfälschte, jungfräuliche Zufall und sonst gar nichts. Quid pro quo gilt nur für die fiktive Romanfigur Hannibal Lekter.

Wenn die Exekutive bei dir mal wegen einer Hausdurchsuchung anklopft und den Notebook konfiszieren möchte, ist es eben purer Zufall, dass genau dieser Notebook 7 Minuten vor dem Besuch der Staatsanwaltschaft eine Reise im Kinderwagen angetreten hat. So sind sie halt, diese ungezogenen Notebooks – selbst wenn du Finanzminister der Republik bist. Unglaublich nur dann, wenn man nicht an Zufall glaubt.

Schuld sind immer die anderen. Perfekt geeignet für die Rolle als schuldiges Bauernopfer sind zum Beispiel die Gesellschaft, Weltwirtschaft, Corona, der Ukraine-Krieg, Wetter, Vorgänger auf deinem Posten (die können sich nur schwer wehren) oder gleich Tote (die können sich gar nicht mehr wehren). Je nach politischer Ausrichtung eignen sich dafür auch Asylwerber, Ausländer, Andersgläubige oder Superreiche.

Für alle genannten Personen und/oder Parteien gilt sowohl die Unschulds- als auch die Unverfrorenheitsvermutung.

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